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60 Jahrgänge Ordnungstheorie und Ordnungspolitik
ORDO - Band 60 - 2009, S. 3-22.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDer Beitrag würdigt zunächst den Standort des ORDO-Jahrbuches zwischen Zentralverwaltungswirtschaft
und Laissez-faire und seinen Beziehungen zur in Deutschland
nach 1945 getriebenen Wirtschaftspolitik. Die in Westdeutschland vollzogene Wende
von 1948 entgegen dem internationalen Meinungstrend wird hervorgehoben. Anschließend
wird die Auseinandersetzung über Ordnungstheorie und Ordnungspolitik betrachtet,
die in der deutschen Wirtschaftswissenschaft zur Zeit stattfindet. Ferner werden von
den Anhängern der Ordnungspolitik von jeher untersuchte Mängel marktwirtschaftlicher
Ordnungen erörtert. Der auf vielen Missverständnissen beruhende Streit um
volkswirtschaftliche Untersuchungsmethoden wird auf seinen eigentlichen Gehalt zurückgeführt.
Schließlich werden die mangelhafte Selbstachtung der Deutschen und das
verbreitete Desinteresse an der Lösung wirtschaftspolitischer Fragen erörtert. Steffen W. Groß und Athanassios Pitsoulis:
Ist ‚Freiheit’ als ‚negative Freiheit’ ausreichend bestimmt? Die Positionen Friedrich August von Hayeks und Isaiah Berlins im Kontrast sowie ein Vorschlag zur Diskussion
ORDO - Band 60 - 2009, S. 23-51.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenUnser Aufsatz steht unter der Leitfrage, ob ‚Freiheit’ als ‚negative Freiheit’ eine ausreichende
Bestimmung erfahren hat. Anhand von zwei Exponenten des Konzepts von
negativer Freiheit – Friedrich August von Hayek und Isaiah Berlin – untersuchen wir
zunächst, warum das Konzept der negativen Freiheit im 20. Jahrhundert eine solch starke
Privilegierung erfahren konnte. Um dies zu verstehen, suchen wir bewusst den Zusammenhang
von Biographie und Denkweg aufzuschließen. Vor diesem Hintergrund
entwickeln wir unsere These, dass es des Aufeinanderbezugs von positivem und negativem
Freiheitsverständnis bedarf, wenn wir zu einem handlungsrelevanten, ganzheitlichen
Freiheitsbegriff gelangen wollen. Aus diesem Spannungsverhältnis speisen sich
Dynamik und Unabgeschlossenheit des Nachdenkens über Freiheit. Wir schließen daher
mit dem Befund, dass es den Freiheitsbegriff schlechthin nicht geben kann. Stattdessen
stehen wir immer wieder neu vor der Aufgabe der harten Arbeit am Begriff. Uwe Dathe:
Walter Euckens Weg zum Liberalismus (1918-1934)
ORDO - Band 60 - 2009, S. 53-86.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn den Debatten um das Programm der Freiburger Schule finden Walter Euckens Biographie
und die Entstehung seines Werks vermehrt Beachtung. Trotz vielfältiger Versuche,
die Genese von Euckens Auffassungen zu rekonstruieren, blieb sein Weg zu liberalen
ökonomischen und politischen Anschauungen bislang nahezu unbeachtet. Um zu
zeigen, wie sich Eucken aus seinen konservativen, antiliberalen Herkunftsmilieus befreite
und Schritt für Schritt liberale Positionen entwickelte, wird in diesem Beitrag neues
Quellenmaterial aus seinem Nachlass sowie aus den Nachlässen seines Vaters Rudolf
Eucken und Alexander Rüstows präsentiert und analysiert. Nach einer Einführung (I)
mit einem Überblick über die Literatur zu Eucken analysieren wir Euckens politische
und ökonomische Ansichten während des Ersten Weltkrieges und in den ersten Jahren
der Weimarer Republik (II). In (III) geben wir einen Überblick über Euckens Beiträge
zu den philosophischen, ideologischen, politischen und ökonomischen Debatten in den
Jahren 1922 bis 1931. Im Abschnitt IV analysieren wir einige Arbeiten Euckens aus
dem Jahr 1932, in denen er totalitäre Ideologien angreift und liberale Positionen
verteidigt. In (V) zeigen wir an einigen Beispielen wie Eucken 1933/34 gegen die nationalsozialistische
Ideologie auftrat. Ernst-Joachim Mestmäcker:
Gesellschaft und Recht bei David Hume und Friedrich A. von Hayek – Über die Zivilisierung des Egoismus durch Recht und Wettbewerb
ORDO - Band 60 - 2009, S. 87-100.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie Rationalität dezentraler Ordnungen und die für sie geltenden Prinzipien lassen
sich anhand der Institutionen kennzeichnen, die zu den notwendigen Bedingungen freier
Gesellschaften gehören: Die Regeln gerechten Verhaltens, die den Kern der Privatrechtsordnung
bilden; die Arbeitsteilung, die aus der Gewerbe- und Vertragsfreiheit
hervorgeht; und der Wettbewerb. Diesen Institutionen ist gemeinsam, dass sie das Ergebnis
menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Tuns sind. Ihr Kennzeichen ist
nicht Zufall oder Willkür, sondern die durch Erfahrung erkennbar werdenden Ordnungsprinzipien. Hauke Janssen:
Zwischen Historismus und Neoklassik: Alexander Rüstow und die Krise in der deutschen Volkswirtschaftslehre
ORDO - Band 60 - 2009, S. 101-118.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie Krise in der deutschen Nationalökonomie nach dem Ersten Weltkrieg führte zu
dem von Alexander Rüstow ab 1926 intensiv betriebenen, am Ende gescheiterten Versuch,
eine „geschlossene Front“ aller deutschen Theoretiker gegen die Historische
Schule aufzubauen. Die von ihm sogenannten „Ricardianer“ sollten, wie er 1927 an
Eucken schrieb, zur Attacke auf die „Ruinen der Historischen Schule“ übergehen. Diese
Vorgänge, in denen wir einen Keim des späteren Ordoliberalismus sehen, sind lange
unbeachtet geblieben oder in ihrer theoriegeschichtlichen Bedeutung nicht richtig gewürdigt
worden. Die vorliegende Studie basiert auf der Auswertung der Korrespondenz
Rüstows mit seinen sozialistischen Freunden Adolf Löwe und Eduard Heimann einerseits
und seinen liberalen Wegbegleitern Walter Eucken und Wilhelm Röpke andererseits. Hanno Beck:
Wirtschaftspolitik und Psychologie: Zum Forschungsprogramm der Behavioral Economics
ORDO - Band 60 - 2009, S. 119-151.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDas traditionelle Menschenbild der Ökonomen, der Homo oeconomicus, sieht sich
massiver Kritik aus den Reihen der Psychologie ausgesetzt: Menschen, so die Kritik,
machen aufgrund ihrer begrenzten kognitiven Fähigkeiten Fehler bei der Informationsaufnahme
und –verarbeitung, sie verhalten sich zeitinkonsistent, sie handeln altruistisch
und sind auf Fairness bedacht. Aus den vielfältigen Befunden der Psychologen, von
denen die wichtigsten in diesem Artikel dokumentiert werden, leiten sich vielfältige
politische Gestaltungsempfehlungen ab, so für die Sozialpolitik, Finanzmarktregulierung
und Finanzmärkte, Steuerpolitik, Freiwilligendienste, die Durchsetzung von Reformen
sowie Verbraucherschutz. Die wohl wichtigste Anwendung der Behavioral Economics
ist die Idee des Liberalen Paternalismus: Die Abweichungen des menschlichen
Verhaltens von der Norm der ökonomischen Rationalität rechtfertigen nach Ansicht der
Verfechter dieses Ansatzes einen Eingriff in die Handlungsfreiheit der Bürger; allerdings
soll das Instrumentarium der Psychologie dazu dienen, das Verhalten der Bürger
ohne Zwangsmaßnahmen zu ändern. Diese Idee hat sowohl theoretische wie auch praktische
Probleme, die in diesem Beitrag beleuchtet werden. Dieter Schmidtchen:
Zum Verhältnis von Recht und Ökonomie in der Wettbewerbspolitik: Eine Erwiderung auf Mestmäcker
ORDO - Band 60 - 2009, S. 153-168.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn dem Beitrag wird die Auffassung vertreten, dass Wettbewerbsrecht ein Problem
reziproker Natur im Sinne von Ronald Coase zu lösen habe. Ein Mehr an Freiheit für
den Einen (Stärkung seiner Rechtsposition) impliziert ein weniger an Freiheit für den
Anderen. Die Abgrenzung von Freiheitsrechten in Konfliktsituationen ist ein Nullsummen-
Spiel, das nicht mit Hilfe des Rechtsprinzips Freiheit gelöst werden kann, sondern
mit dem der Effizienz. Der Beitrag weist die Kritik zurück, die Mestmäcker an dieser
Konzeption in ORDO 2008 geäußert hat. Gerhard Schwarz:
Über die Not-Wendigkeit von Nothilfe. Eine Handvoll ordnungspolitischer Betrachtungen angesichts der neuen Staatsgläubigkeit
ORDO - Band 60 - 2009, S. 169-183.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass die Staatsgläubigen
„in allen Parteien“ Oberwasser bekommen haben. Gleichzeitig treten innerhalb
des marktwirtschaftlichen, liberalen Lagers die Unterschiede zwischen den ordoliberalen
und den libertären Strömungen deutlicher hervor. Der Beitrag tritt der Auffassung
entgegen, man wäre der Krise am besten durch Nicht-Intervention entgegengetreten.
Obwohl der Staat wesentlich die Krise verursacht und zu verantworten hat, kommt
ihm als Nothelfer in aussergewöhnlichen Situationen durchaus eine zentrale Rolle zu.
Ausserdem kann das marktwirtschaftliche Lager nicht einfach seine Hände in Unschuld
waschen. Die Schlüsselfrage für alle, denen an einer freiheitlichen Ordnung gelegen ist,
wird sein, wie man die vielen unerwünschten Langzeitfolgen der Krisenbekämpfung
vermeiden oder doch mildern kann. Marktorientierte Wirtschaftspolitik befindet sich in
der Rolle des Arztes, der lebensrettende Sofortmassnahmen ergreift, obwohl er weiss,
dass diese langfristige Schäden verursachen bez. zumindest zu Medikamentenabhängigkeit
führen können. In einer Demokratie ist jedoch eine gesunde Mischung aus solchem
Realismus und gesunder Selbstkritik der Glaubwürdigkeit und damit dem Einfluss einer
marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik wohl zuträglicher als ein dogmatischer Anti-
Interventionismus. Albrecht F. Michler und H. Jörg Thieme:
Finanzmarktkrise: Marktversagen oder Staatsversagen?
ORDO - Band 60 - 2009, S. 185-221.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie weltwirtschaftliche Lage im ersten Halbjahr 2009 ist gekennzeichnet durch eine
doppelte Last: Auf der einen Seite ist die Finanzmarktkrise keineswegs ausgestanden,
die im Frühjahr 2007 im Subprimesegment der amerikanischen Hypothekenmärkte entstand
und wegen der Integration der Finanzmärkte weltweit ausbreitete. Auf der anderen
Seite haben gestiegene Inflationspotentiale und der faktische Anstieg der Inflationsraten
ab Mitte 2004 zunächst in den USA, später auch in Europa und in Asien die Zentralbanken
veranlasst, eine Phase sehr restriktiver Geldpolitik einzuleiten, die mit zeitlicher
Verzögerungen deutliche realwirtschaftliche Rückschläge verursacht hat. Beide Entwicklungen
überlagern sich.
Im vorliegenden Beitrag werden zunächst die verschiedenen Eskalationsstufen der
Finanzmarktkrise aufgezeigt und – vor dem Hintergrund der Kriterien funktionsfähiger
Finanzsysteme – die ordnungs- und prozesspolitischen Fehlentwicklungen des Finanzmarktgeschehens
in den vergangenen Jahrzehnten analysiert. Sie werden als wichtigste
Ursachen der monetären und realwirtschaftlichen Fehlentwicklungen identifiziert: Vielfältige
staatliche Regulierungen haben Defizite der Ordnungsbedingungen der Finanzmärkte
geschaffen, wodurch Wettbewerbsprozesse behindert und ineffiziente Ausweichreaktionen
der Finanzmarktakteure begünstigt wurden. Hierzu haben falsche Haftungsregeln
der Entscheidungsträger in den Finanzinstitutionen wesentlich beigetragen.
Finanzpolitische Maßnahmen des Staates und insbesondere kurzfristige geldpolitische
Prozessinterventionen der Zentralbanken haben zudem massive Fehlanreize für die
Marktakteure gesetzt und Fehlanpassungen der Kreditmarktteilnehmer verursacht.
In einer kritischen Analyse werden sodann die zahlreichen Vorschläge zur Überwindung
der aktuellen Finanzmarktkrise gewürdigt und Möglichkeiten zur Verbesserung
der langfristigen Ordnungsbedingungen für Finanzinstitutionen und Finanzmärkte aufgezeigt.
Sie können die Risiken zukünftiger Finanzmarktkrisen nicht beseitigen, wohl
aber reduzieren. Ulrich van Suntum und Cordelius Ilgmann:
Das Bilanzproblem der Banken – Ein Lösungsvorschlag
ORDO - Band 60 - 2009, S. 223-246.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn dem Aufsatz wird ein Vorschlag für eine Rettung des Bankensystems gemacht,
der nicht zu Lasten der Steuerzahler geht. Dies geschieht durch die Anwendung des
Instrument der Ausgleichsforderungen. Bereits zweimal, zum einen nach dem Ende des
Dritten Reiches und zum anderen nach der deutschen Wiedervereinigung, wurden den
Banken Ausgleichsforderungen zugeteilt, da die Aktiva durch Krieg bzw. friedliche
Revolution zum größten Teil entwertet worden waren. Die Ausgleichsforderungen waren
zum Bilanzausgleich gedacht, der aufgrund der asymmetrischen Umstellung von
Forderungen und Verbindlichkeiten im Zuge der Währungsreform notwendig wurde.
Diese Staatspapiere waren nicht fungibel, verzinslich und wurden im Laufe der Zeit
langsam durch den Staat getilgt. Im Gegensatz zum damaligen Ansatz, schlagen wir
vor, dass in der aktuellen Krise die toxischen Papiere, statt gegen verzinsliche, gegen
unverzinsliche Staatspapiere ausgetauscht werden. Die Idee ist, die in den Bilanzen versteckten
Risiken über die Zeit zu strecken und so dass die Banken die Zeche selber zahlen,
ohne dass sie durch die Krise in die Insolvenz getrieben werden. Wie wir zeigen
werden, ist diese Vorgehensweise aus ordoliberaler Sicht existierenden Lösungsansätzen
vorzuziehen. Unverzinsliche Staatspapiere würden nicht nur den Steuerzahler schonen,
sondern auch das Haftungsprinzip stärken und somit keine Anreize für ineffiziente
Risikobereitschaft während der nächsten Blase schaffen. Roland Vaubel:
Lehren aus der Finanzkrise: Rolle des Staates und internationale Dimension
ORDO - Band 60 - 2009, S. 247-266.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenFür den Ausbruch der Finanzmarktkrise waren nicht falsche Marktanreize, sondern
falsche Erwartungen und Staatsversagen ausschlaggebend. Ein Vergleich der Risikoprämien
am amerikanischen Hypotheken- und Anleihemarkt zeigt, dass die Krise nicht
auf geringe Risikoscheu, sondern auf eine Unterschätzung der Risiken zurückzuführen ist. Die gleichen Faktoren, die das Versagen der Bankenaufsicht erklären, sprechen dagegen,
die diskretionären Eingriffsrechte der Aufsichtsbehörden zu erweitern. Eine
Internationalisierung der Bankenregulierung, wie sie jetzt in der Europäischen Union
angestrebt wird, hätte die Krise nicht verhindert. Da jedes Land einen hinreichenden
Anreiz hat, die Stabilität seines Finanzsystems zu gewährleisten, ist die Krise nicht
durch einen Mangel an internationaler Koordination verursacht worden. Aus dem gleichen
Grund bedarf es auch in Zukunft nicht einer internationalen Regulierung, sondern
lediglich eines – möglicherweise verbesserten – Informationsaustauschs. Wie gezeigt
wird, sind die Wirtschaftsprognosen internationaler Organisationen – insbesondere des
IWF – sogar besonders unzuverlässig. Der Staat sollte solvente Banken nicht subventionieren
und sich auch nicht an ihnen beteiligen. Banken, die Konkurs anmelden müssen,
sollten dagegen von einer staatlichen Auffanggesellschaft vorübergehend weitergeführt
und dann möglichst bald wieder verkauft werden. Die Eigenkapitalvorschriften müssen
verschärft und flexibilisiert werden. Es ist auch Aufgabe des Staates, den Finanzinstituten
Offenlegungspflichten aufzuerlegen. Erich Weede:
Die Finanzmarktkrise als Legitimitätskrise des Kapitalismus: Überlegungen zu (allzu) menschlichem Handeln in Wirtschaft und Politik
ORDO - Band 60 - 2009, S. 267-287.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDer Kapitalismus ist in Deutschland bzw. in Kontinentaleuropa schon lange unbeliebt.
Zuerst haben der Wohlstand und der Sozialstaat, danach die Globalisierung und
zuallerletzt die Finanzkrise dazu beigetragen. Vorübergehend profitiert der Staat mit
einem Legitimitätszuwachs von der Krise der Finanzmärkte und der Volkswirtschaften,
obwohl die Finanzkrise nicht in erster Linie auf Marktversagen, sondern in stärkerem
Maße auf Staatsversagen zurückzuführen ist. Dabei spielten die Geldpolitik, falsche
Anreize auf dem amerikanischen Immobilienmarkt und Regulierungsdefizite eine Rolle.
Die Banken haben allerdings durch die Entwicklung neuer Kapitalmarktprodukte, die
nur von wenigen Fachleuten und Bankern verstanden wurden, ebenfalls zur Krise beigetragen.
Die Fehler von Politikern und Bankern müssen neutrale Beobachter an die
Fallibilität von Menschen erinnern. Prinzipal-Agent-Probleme verstärken die Schwierigkeiten.
Die Übertragung von immer mehr Aufgaben auf den Staat, die dabei implizierten
Hoffnungen auf die Weisheit staatlicher Entscheidungen, den Altruismus und
Paternalismus der Politiker müssen die Politik überfordern, zumal auch die Wissenschaft
bei vielen wichtigen Fragen nur umstrittene Antworten bereit hält. Außerdem:
Selbst wo die Wissenschaft mit einer Stimme eindeutigen Rat erteilt, fällt es Politikern
schwer, sich danach zu richten. Rüdiger Pohl:
Krisenbewältigung und Krisenvermeidung: Lehren aus der Finanzkrise
ORDO - Band 60 - 2009, S. 289-316.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn diesem Beitrag werden erste Lehren aus der Finanzkrise zur Frage der Krisenbewältigung
und einer zukünftigen Krisenvermeidung gezogen. Trotz ungewisser Erfolgsaussicht
sind Aktivitäten des Staates zur Bewältigung der Krise erforderlich. Allerdings
können dabei Langzeitschäden in Form einer Aufweichung der Budgetbeschränkung
und von Verzerrungen im Finanzsystem auftreten. In der historischen Rückschau wird
die Rolle des Staates nicht nur daran zu würdigen sein, dass der Staat maßgeblich zur
Krisenbewältigung beigetragen hat, sondern auch daran, inwieweit er dabei schädliche
Nebenwirkungen vermieden hat. Angesichts der großen Schäden durch die Finanzkrise
hat die Aufgabe einer Krisenvermeidung in der Zukunft hohe Priorität. Jedoch wird
auch eine Neuregulierung des internationalen Finanzsystems nicht verhindern können,
dass in Zukunft krisenhafte Zuspitzungen an den Finanzmärkten entstehen. Das Finanzsystem
bleibt unlösbar mit Risiken und einem daraus resultierenden Krisenpotential
verbunden. In die gegenwärtige Krise hat eine leichtfertige Risikoanhäufung geführt; sie
beruht auf Phänomenen wie Risikoentwöhnung und Herdentrieb, die allgegenwärtig
sind und auch in Zukunft auftreten können. Die Finanzmarktregulierung muss Risiken
an den Finanzmärkten weiterhin zulassen, weil anderenfalls die Effizienz der Kapitalallokation
gestört wird. Thorsten Polleit:
Der Krise entkommen – das Geld privatisieren
ORDO - Band 60 - 2009, S. 317-324.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie internationale Kreditkrise, die im Sommer 2007 ihren Ausgangspunkt im amerikanischen
Markt für Hypothekenkredite schlechter Bonität („Subprime“) nahm, ist nicht
etwa ein Versagen des Kapitalismus, sondern sie spiegelt das Scheitern des Interventionismus
wider, also des fallweisen Eingreifens des Staates in das System der freien
Märkte. Die Krise ist im Kern das Ergebnis einer planwirtschaftlich verfassten Geldordnung,
in der die staatlichen Zentralbanken das Monopol über das Geldangebot halten
und in der die Geldmenge per Kredit ausgeweitet wird, ohne dass dafür entsprechende
Ersparnisse zur Verfügung stehen. Das Privatisieren des Geldwesens („Free Banking“)
ist der Ausweg aus den immer schwerer werdenden Wirtschafts- und Finanzkrisen, die
das Staatsgeldsystem hervorbringt und die letztlich die Freiheit der Gesellschaften
ernstlich bedrohen. Wilhelm Meyer:
Finanzmarktinnovationen und Finanzkrisen: Historische Perspektive
ORDO - Band 60 - 2009, S. 325-354.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenAusgangspunkt des Beitrags ist die Tatsache der wiederkehrenden Finanzkrisen im
Wirtschaftsleben der Staaten. Es wird die Vermutung aufgestellt, dass dafür eine bestimmte
Klasse von Bedingungen ursächlich gewesen ist, nämlich Finanzmarktinnovationen;
das sind neue Finanzmarktinstrumente und neue Geschäftsideen von Finanzhäusern.
Der Beitrag behandelt eine Reihe von Finanzmarktinnovationen, frühere und moderne,
um die Vermutung ihrer kausalen Relevanz zu illustrieren. Im Zusammenhang
mit den jüngeren Finanzkrisen werden kleinere und größere Unfälle unterschieden und
es werden die wesentlichen Ursachen der jetzigen Finanzkrise dargestellt. Im Sinne des
kritischen Liberalismus werden Vorschläge angeführt, die geeignet erscheinen, die
Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte zu verbessern. Alfred Schüller:
Krisenprävention als ordnungspolitische Aufgabe
ORDO - Band 60 - 2009, S. 355-388.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise gibt Anlass zu der Frage nach einer angemessenen
Diagnose der Krisenursache und einer Therapie, die zugleich auf Krisenprävention
bedacht ist. Es werden zwei konkurrierende Stabilisierungslösungen unterschieden:
der ordnungsökonomische und der interventionistische Ansatz. Beide Ansätze beruhen
auf unterschiedlichen Handlungskonzepten Diese werden in einer vergleichenden
Betrachtung als grundlegend für eine systematische Klärung der Ausgangsfrage angesehen.
Der Beitrag behandelt die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Krisenanfälligkeit
des Wirtschaftsgeschehens, für die Ausbreitung von Krisen, für die aktuelle
Krisenbekämpfung, vor allem aber für die Möglichkeit, künftigen Krisen vorzubeugen. Jürgen Volkert:
Unternehmen als Agenten der Armutsüberwindung und Entwicklung. Ihr Beitrag aus Sicht von Ordoliberalismus und Capability-Ansatz
ORDO - Band 60 - 2009, S. 389-413.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenPotenziale von Unternehmen als Agenten der Armutsüberwindung in Entwicklungsländern
stoßen in letzter Zeit auf ein verstärktes wissenschaftliches Interesse. Dieser
Beitrag soll Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Komplementaritäten von Walter
Euckens Ordoliberalismus und des entwicklungsökonomischen Capability-Ansatzes
aufzeigen, um konzeptionelle Rückschlüsse auf die Reichweite von Unternehmen zur
Armutsüberwindung in Entwicklungsländern ziehen zu können. Zunächst wird Euckens
Verständnis ordnungskonformer Sozialpolitik und der zugrundeliegenden sozialen Fragen
skizziert. Bis heute sind in vielen Entwicklungsländern alle drei Typen der
Euckenschen sozialen Frage anzutreffen. Wie sich diese im Capability-Ansatz konzeptionell
verorten und auf welche Weise der Beitrag von Unternehmen zur Armutsüberwindung
weit über einkommens- und gütermarktzentrierte Effekte hinausgeht, steht anschließend
zur Diskussion. Schließlich zeigt sich, dass ordoliberale Analysen der Interdependenz
von Wirtschaftsordnung und politischer Ordnung in der modernen Entwicklungsökonomik
stärkere Beachtung finden müssen, um zu einer ordnungskonformen,
freiheitsorientierten Konzeption unternehmerischer Potenziale in der Armutsbekämpfung
zu gelangen. Ortrud Leßmann:
Die Rolle der Wahlfreiheit in der Armutsbekämpfung
ORDO - Band 60 - 2009, S. 415-433.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenMit dem Capability-Ansatz von Amartya Sen und dem Lebenslage-Ansatz stellt der
Aufsatz zwei Ansätze vor, die erstens für eine multidimensionale Erfassung von Armut
plädieren und zweitens Armut als eingeschränkte Handlungsfreiheit definieren. Die
Handlungsfreiheit wird in beiden Ansätzen als Möglichkeit modelliert, eine Lebensweise
aus einer Menge auszuwählen. Die These dieses Aufsatzes ist, dass es Folgen für die
Methoden der Armutsbekämpfung haben muss, wenn Armut in dieser Weise unter anderem
auf die mangelnde Wahlfreiheit einer Person zurückgeführt wird. Der Aufsatz
konzentriert sich auf Überlegungen, wie sich Menschen in der Ausübung ihrer Wahlfreiheit
bestärken lassen und so aus der Armut geführt werden können.
Drei allgemeine Folgerungen lassen sich aus dem Beitrag ziehen: Erstens ist der
Markt eine Art Übungsfeld für Handlungsfreiheit – aber nur, wenn die Voraussetzungen
für sein Funktionieren gewährleistet sind; zweitens lädt Demokratie ein, Handlungskompetenz
zu erwerben, aber dies sollte drittens von einem geeigneten Bildungskonzept
begleitet werden. Der Forschung obliegt es, die Lücke zwischen den allgemeinen Aussagen
und konkreten Anwendungen zu schließen. Stefan Hielscher und Markus Beckmann:
Social Entrepreneurship und Ordnungspolitik: Zur Rolle gesellschaftlicher Change Agents am Beispiel des Kruppschen Wohlfahrtsprogramms
ORDO - Band 60 - 2009, S. 435-461.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDieser Beitrag stellt mit Hilfe der Ordonomik einen systematischen Zusammenhang
zwischen zwei unterschiedlichen Literaturen her, deren Fragestellungen zunächst inkommensurabel
erscheinen: zwischen der akteurszentrierten Social Entrepreneurship-
Literatur und der auf Institutionen ausgerichteten Ordnungspolitik. Das Argument des
Beitrags lautet, dass Social Entrepreneurs als Regelunternehmer wichtige Governance-
Beiträge leisten können, wenn es ihnen gelingt, neuartige und wechselseitig vorteilhafte
Bindungsarrangements für sich und andere zu organisieren. Auf diese Weise können sie
– komplementär zu staatlicher Regesetzung – als echte Change Agents zur Weiterentwicklung
der institutionellen Rahmenordnung beitragen und damit genuine Ordnungsaufgaben
erfüllen. Diese Argumentation wird in Auseinandersetzung mit dem
historischen Beispiel des Kruppschen Wohlfahrtsprogramms entwickelt. Klaus Beckmann und Carsten Gerrits:
Armutsbekämpfung durch Reduktion von Korruption: eine Rolle für Unternehmen?
ORDO - Band 60 - 2009, S. 463-494.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenEs wird ein Argument betrachtet, dass es indirekt hilfreich sein könnte, bei der Armutsbekämpfung
in Entwicklungsländern private Unternehmen als „corporate citizens“
für die Reduktion von Korruption zu gewinnen. Es stellt sich heraus, dass dieses Argument
auf einer Reihe von Prämissen beruht, wie (a) dem kollektiven Interesse der Unternehmen
an der Reduktion von Bestechungszahlungen, (b) der Abewesenheit positiver
externer Effekte auf die Gesellschaft im Ganzen und (c) die Kosten-Effektivität formaler
Institutionen zur Korruptionsbekämpfung. In allen drei Beziehungen erklären wir
eine Anzahl von sowohl theoretischen als auch empirischen Einwänden. Daran schließen
sich einige institutionelle Politikempfehlungen an. Thomas C. Schelling:
Ökonomische Vernunft und politische Ethik
ORDO - Band 60 - 2009, S. 495-519.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenEffizienz und Gleichheit, ökonomische Vernunft und politische Ethik werden oft so
konzeptualisiert, als stünden sie in einem natürlichen, unüberwindbaren Gegensatz zueinander.
Dies erschwert die Lösung politischer Probleme in der Praxis. Dieser Artikel
geht der Frage nach, welchen Beitrag ökonomische Vernunft leisten kann – und welchen
sie nicht leisten kann –, um zur Klärung ethisch relevanter Probleme beizutragen.
Hierzu wird ein kontraktualistischer Ansatz sozialer Verantwortung vorgestellt, der geeignet
ist, solche vermeintlichen Gegensätze aufzulösen und dadurch Potentiale wechselseitiger
Besserstellung zu realisieren. Der Ansatz wird anhand zahlreicher Beispiele
illustriert. Dazu zählen Benzingutscheine, Mietpreisobergrenzen, gesetzliche Mindestlöhne,
die Krankenversicherung, die Kilometerpauschale, das Kindergeld und die Sicherheit
im zivilen Luftverkehr.
Buchbesprechungen
Hanno Beck:
Ein rüstiger Jubilar zwischen Markt und Plan
ORDO - Band 60 - 2009, S. 525-527.
Hanno Beck:
Gelebte Ordnung
ORDO - Band 60 - 2009, S. 528-531.
Klaus Beckmann:
Missing Link? Ein Kommentar zu Timothy Besleys (2006) „Principled Agents?“
ORDO - Band 60 - 2009, S. 532-533.
Hardy Bouillon:
Wirtschaftsethische Perspektiven VII Besprechung des von Volker Arnold herausgegebenen gleichnamigen Bandes
ORDO - Band 60 - 2009, S. 534-535.
Markus Breuer:
Zum Andenken an den unbekannten Dritten der Freiburger Schule: Bemerkungen zur Gedenkschrift für Hans Großmann-Doerth
ORDO - Band 60 - 2009, S. 536-538.
Arndt Christiansen:
Der Einfluss des Neoliberalismus auf das Europäische Wettbewerbsrecht 1946-1965. Zu dem gleichnamigen Buch von Milène Wegmann
ORDO - Band 60 - 2009, S. 539-545.
Peter Engelhard:
Globalisierung und europäisches Sozialmodell Anmerkungen zum gleichnamigen, von Linzbach u.a. herausgegebenen Sammelband
ORDO - Band 60 - 2009, S. 546-550.
Justus Haucap:
Scientific Competition, Zu dem gleichnamigen Band herausgegeben von Stefan Voigt, Max Albert, und Dieter Schmidtchen
ORDO - Band 60 - 2009, S. 551-553.
Catherine Herfeld:
Verbindlichkeit – Eine kritisch-realistische Bestimmung der Erkenntnis und des Wesens der Gesellschaft, Besprechung des gleichnamigen Buches von Heinrich Stieglitz
ORDO - Band 60 - 2009, S. 554-557.
Carsten Herrmann-Pillath:
Der Treibhausgas-Emissionshandel in evolutionsökonomischer Perspektive
ORDO - Band 60 - 2009, S. 558-563.
Manfred Hilzenbecher:
Markt und Wettbewerb in der Sozialwirtschaft, Anmerkungen zu einem von Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski herausgegebenen Tagungsband
ORDO - Band 60 - 2009, S. 564-567.
Helmut Leipold:
Ordnungsökonomik – ein überholtes Forschungsprogramm? Anmerkungen zu dem Buch von Manfred Streit „Wissen, Wettbewerb und Wirtschaftsordnung“
ORDO - Band 60 - 2009, S. 568-570.
Thomas Pfahler:
Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und Neue Politische Ökonomie Anmerkungen zum gleichnamigen Buch, herausgegeben von Lothar Funk
ORDO - Band 60 - 2009, S. 571-576.
Benedikt Römmelt:
Internetökonomie – Ein interdisziplinärer Beitrag zur Erklärung und Gestaltung hybrider Systeme, Besprechung des von Heinz Lothar Grob und Jan vom Brocke herausgegebenen gleichnamigen Bandes
ORDO - Band 60 - 2009, S. 577-579.
Andreas Schmid:
Rationierung in der Gesetzlichen Krankenversicherung Deutschlands Anmerkungen zu dem gleichnamigen Buch von Doris Weissberger
ORDO - Band 60 - 2009, S. 580-583.
André Schmidt:
Effizienz oder Wettbewerbsfreiheit? Besprechung des gleichnamigen Buches von Adrian Künzler
ORDO - Band 60 - 2009, S. 583-585.
Cord Siemon:
Visionäre Wege aus der Subprime-Krise. Anmerkungen zu einem Buch von Robert J. Shiller
ORDO - Band 60 - 2009, S. 586-591.
Manfred E. Streit:
Studien zur evolutorischen Ökonomik IX, Zu dem gleichnamigen Band des Vereins für Socialpolitik, herausgegeben von Wolfgang Kerber
ORDO - Band 60 - 2009, S. 592-594.
Petra Stykow und Joachim Zweynert:
Violence and Social Orders: A Conceptual Framework for Interpreting Recorded Human History, Zu dem gleichnamigen Buch von Douglass C. North, John Joseph Wallis und Barry R. Weingast
ORDO - Band 60 - 2009, S. 595-598.
Adolf Wagner:
Eine anekdotische Volkswirtschaftslehre für jedermann. Zu einem Taschenbuch von Heiner Flassbeck
ORDO - Band 60 - 2009, S. 599-606.
Kurzbesprechungen
ORDO - Band 60 - 2009, S. 607-607.
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