Inhaltsverzeichnis als PDF-Datei öffnenInhaltsübersicht:Heiko Peters, Stefan Ried und Peter Schwarz:
Krisenreaktion und Krisenprävention im Euro-Raum: Wandel zum Besseren?
ORDO - Band 62 - 2011, S. 3-28.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie Wirtschaftskrise des Jahres 2007 führte in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften
zu einer akuten Belastung der öffentlichen Haushalte. Insbesondere die GIIPSLänder
- Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien - stehen vor der enormen
Herausforderung, ihre aus unterschiedlichen Gründen ausgelösten Haushaltskrisen zu
bewältigen. Zur Krisenbewältigung kommen ein offener Zahlungsausfall, eine Konsolidierung
durch Inflation und eine Haushaltskonsolidierung in Frage. Alternativ besteht
die Möglichkeit dauerhafter europäischer Unterstützungsleistungen im Rahmen des Europäischen
Stabilisierungsmechanismus als Element des Förderns in fiskalischen Problemlagen.
Während es für Staaten mit Liquiditätsproblemen triftige Gründe für solche
(temporären) Leistungen gibt, sind bei dauerhafter Stützung deutlich negative Auswirkungen
vorhanden. Diese zu minimieren muss Ziel der europäischen Politik sein. Die
signifikante Verschärfung des Stabilitäts- und Wachstumspakts ist das notwendige Gegenstück
zur Förderung. Wird dieses Element des Forderns in der Praxis unzureichend
umgesetzt, verschiebt sich das Gleichgewicht innerhalb der Währungsunion dauerhaft
zugunsten ungehinderten Trittbrettfahrertums. Ansgar Belke:
„EU Governance“ und Staateninsolvenz: Optionen jenseits der Kommissionsvorschläge
ORDO - Band 62 - 2011, S. 29-70.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDas am 29. September 2010 von der Europäischen Kommission vorgestellte und
dem Europäischen Parlament vorgelegte umfangreiche Maßnahmenpaket stellt die
umfassendsten Versuch einer Verstärkung einer europäischen „Economic Governance“
seit Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion dar. Angesichts der Mängel
der existierenden Gesetzgebung werden dabei eine weiter reichende und verbesserte
Überwachung der Fiskalpolitiken, aber auch makroökonomischer Politiken
sowie Strukturreformen angestrebt. Neue Durchsetzungsmechanismen für Mitgliedsstaaten,
die gegen die Regeln handeln, sind ebenfalls geplant. Im Hinblick auf das
sehr wichtige und entscheidende Paket der Kommission, das 6 Gesetzes-Dossiers
umfasst, wird in diesem Beitrag versucht, fehlende oder überflüssige und/oder gar
nicht verwendbare Elemente zu identifizieren. Weiterhin wird überprüft, was außerhalb
und über diese Vorschläge hinaus (überhaupt) noch fehlt, um das gesamte Paket
der Governance-Reformen vollständig und durchführbar zu machen. Dies können
potenziell Mechanismen zur Krisenlösung und Umschuldung, ein Europäischer
Währungsfonds, Projekt-Bonds und/oder Euro-Bonds sein. Der Schwerpunkt der
Analyse liegt dabei auf dem Europäischen Währungsfonds, der als Mittel der Wahl
bezeichnet wird.
Schließlich erweitert der vorliegende Beitrag seinen Fokus auf aktuelle Ereignisse
wie die EU-Gipfel bis einschließlich März 2011, die die institutionellen Grundlagen
des Europäischen Stabilitätsmechanismus schufen. Es wird ausführlich erörtert, ob
die sich abzeichnende Perspektive eines ab 2013 existierenden permanenten Rettungsmechanismus
(ESM) in Verbindung mit der vorher installierten Europäischen
Finanzstabilitätsfazilität (EFSF) einen Teufelskreis drohender weiter steigender
Zinsdifferenzen und steigender Schulden in der Eurozone auslösen kann. Zu diesem
Zweck wird aus ordnungspolitischer Perspektive skizziert, wie eine langfristige Strategie
gegen Überschuldungskrisen im Euroraum aussehen sollte. Darauf aufbauend
werden Gründe für anhaltende Marktspannungen in der Eurozone herausgearbeitet
und institutionelle Mängel der gefundenen institutionellen Lösung zum Umgang mit
der Illiquidität und der Insolvenz von Eurostaaten abgeleitet. Der Beitrag endet mit
einem Ausblick und liefert eine Einschätzung darüber, ob die Eurozone ihre Schuldenkrise
in den kommenden Jahren in den Griff bekommen wird. Hanno Beck und Dirk Wentzel:
Ordnungspolitische Überlegungen zu einer Insolvenzordnung
ORDO - Band 62 - 2011, S. 71-100.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenVor dem Hintergrund ausufernder europäischer Staatsverschuldung und der Euro-
Krise wird das Konzept einer Insolvenzordnung für Staaten vorgestellt. Der Beitrag
skizziert das Grundmuster einer solchen Insolvenzordnung, zeigt Verknüpfungen zu
anderen wirtschaftlichen Teilordnungen auf und diskutiert entsprechende Pro- und
Contra-Argumente. In Verbindung mit einer staatlichen Insolvenzordnung wird die Idee
präsentiert, dass die internationale Staatengemeinschaft eine supranationale Versicherungsgesellschaft
gründet, die einzelne Staatsanleihen gegen einen Zahlungsausfall absichert.
Länder mit schlechten wirtschaftlichen Daten und hoher Verschuldung müssen
dabei höhere Prämien zahlen, so dass ein direkter materieller Anreiz zu solider Staatsführung
besteht. Johannes Suttner und Verena Kielholz:
Leerverkäufe verbieten? – Eine ordnungstheoretische Sicht
ORDO - Band 62 - 2011, S. 101-114.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn ihrem Beitrag argumentieren die Autoren mithilfe einer Analogie zu Euckens dialektischer
Sicht auf Marktstrukturen und -instrumente, dass Leerverkäufe an sich nicht
ursächlich für missbräuchliche Praktiken auf den Finanzmärkten sind. Stattdessen richten
sie den Blick auf die Marktstrukturen und entwerfen einen ordnungspolitischen
Rahmen für eine markteffiziente Regulierung von Leerverkaufstransaktionen. Insbesondere
ein Aufsichtssystem sowie Offenlegungsvorschriften sind dafür nötig. Da Leerverkäufe
einen wichtigen informationsökonomischen Nutzen liefern, sollten sie im
Grundsatz erlaubt sein. Bodo Knoll:
Vom Wert der Blase – Die Funktion der Spekulation in der Marktwirtschaft
ORDO - Band 62 - 2011, S. 115-144.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenPreisdestabilisierende Spekulationsblasen haben in einer freien Gesellschaft wichtige
Funktionen: Sie ersetzen die fehlende Spekulation eines rationalen wissenschaftlichen
Erkenntnisprozesses. Sie beschleunigen den kulturellen Selektions- und Anpassungsprozess
und lösen einen Lernprozess der Marktteilnehmer im Umgang mit den Risiken
einer Marktwirtschaft aus. Die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von Spekulationsgewinnen
entsteht, weil weder Wert noch Verdienst des Spekulanten unmittelbar beobachtbar
sind. Glück und Zufall werden zudem nicht als moralisch neutral bewertet. Da
eine Verhinderung der Spekulation weder möglich noch wünschenswert erscheint, sollte
der Gesetzgeber eine Marktordnung erlassen, die Spekulation uneingeschränkt zulässt,
aber verhindert, dass das Marktsystem insgesamt durch die gesellschaftlichen und politischen
Reaktionen auf Spekulationsblasen gefährdet wird. Ludger Wößmann:
Aktuelle Herausforderungen der deutschen Bildungspolitik: Ordnungspolitischer Rahmen und konkrete Handlungsfelder
ORDO - Band 62 - 2011, S. 145-176.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie deutsche Bildungspolitik ist derzeit von zahlreichen zumeist interventionistischen
Einzelmaßnahmen geprägt. Der vorliegende Beitrag diskutiert deshalb den
ordnungspolitischen Rahmen und konkrete Handlungsfelder der institutionellen Rahmenbedingungen
der einzelnen Bildungsstufen, die den aktuellen Herausforderungen
der deutschen Bildungspolitik gerecht werden. In einer Lebenszyklusperspektive wird
argumentiert, dass sich die finanzielle Verantwortung mit zunehmendem Lebensalter
von einer dominierenden Rolle des Staates zu einer dominierenden privaten Rolle verschieben
sollte. Die staatliche Trägerschaft vieler Bildungseinrichtungen sollte privatem
Engagement und Wettbewerb weichen. Darüber hinaus werden in den einzelnen Bildungsstufen
verschiedene institutionelle Rahmenbedingungen diskutiert, in denen Reformen
dringend geboten sind, um eine effiziente Erzeugung von und einen chancengerechten
Zugang zu Bildung in Deutschland zu erreichen. Das vorgeschlagene bildungspolitische
Gesamtkonzept umfasst zehn konkrete Maßnahmen, in denen der Handlungsbedarf
aus Sicht des Autors aktuell am größten ist. Horst Bossong:
Suchtpolitik im paternalistischen, aktivierenden oder ermöglichenden Staat: Versuch einer Entwirrung
ORDO - Band 62 - 2011, S. 177-204.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenAm Beispiel des Drogenhilfesystems, einem der innovativsten Felder moderner Fürsorgepolitik,
wird verdeutlicht, welche Folgen die Anwendung verschiedener Sozialstaatsmodelle
für die Praxis haben und weshalb eine am neo- bzw. ordoliberalen Modell
orientierte Politik am ehesten geeignet ist, die Drogensucht- und Suchthilfeprobleme
nachhaltig in den Griff zu bekommen. Demgegenüber verzetteln sich, wie gezeigt werden
kann, paternalistische und aktivierende Strategien in den Widersprüchen sozialstaatlicher
Absichten, den Interessenlagen der helfenden Institutionen und der hinter
ihnen stehenden Verbände, der Dynamik des illegalen Schwarzmarktes und der Unberechenbarkeit
lebensweltlicher Eigenlogik der Süchtigen und Suchtgefährdeten. Michael Coenen, Justus Haucap, Annika Herr und Björn A. Kuchinke:
Wettbewerbspotenziale im deutschen Apothekenmarkt
ORDO - Band 62 - 2011, S. 205-230.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDer vorliegende Beitrag analysiert den Ordnungsrahmen für den deutschen Apothekenmarkt
und die dortigen Konkurrenzbeziehungen. Diese zeichnen sich durch signifikante
Wettbewerbsdefizite aus. Ausgehend von dieser Diagnose wird als Therapie das
Modell einer Apothekentaxe vorgeschlagen, bei dem die komplexen momentanen
Finanzierungsströme zwischen Patienten, Apotheken und Krankenkassen weitgehend
gestrichen werden und stattdessen die Patienten die Leistung der Apotheke direkt vergüten.
Für dieses Modell werden in drei Szenarien die Wettbewerbswirkungen und das
mögliche Einsparpotenzial pro Jahr ermittelt. Dieses beläuft sich auf bis zu 448 Mio.
EUR. Ingo Pies und Peter Sass:
Wie sollte die Managementvergütung (nicht) reguliert werden? – Ordnungspolitische Überlegungen zur Haftungsbeschränkung von und in Organisationen
ORDO - Band 62 - 2011, S. 231-268.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenWalter Eucken hat die Institution der Haftungsbeschränkung radikal abgelehnt. Aus
seiner Sicht war nur das Prinzip der Vollhaftung marktkonform. Diese Auffassung ist
korrekturbedürftig, wie unter Rückgriff auf die moderne Mikroökonomik der Risikoallokation
gezeigt wird: Zum einen kann es gemeinwohlförderlich sein, Organisationen
per Rechtsform eine Haftungsbeschränkung zu gewähren. Und zum anderen kann es
gemeinwohlförderlich sein, innerhalb von Organisationen zur Lösung von Prinzipal-
Agent-Problemen zwischen Eigentümern und Management Anreizverträge zu vereinbaren,
die den Managern – z.B. in Form von konvexen Vergütungsschemata – eine Art
von Haftungsbeschränkung gewähren. Beides ist für das Innovationsverhalten von Unternehmen
und mithin für die Dynamik einer Marktwirtschaft von großer Bedeutung.
Die Hauptthese lautet, dass solche Haftungsbeschränkungen nicht interventionistisch,
sondern durch eine Ordnungspolitik zweiter Ordnung reguliert werden sollten. Der Beitrag
schließt mit Überlegungen zum Verhältnis von Ordnungspolitik und Ordnungsethik. Till Talaulicar:
Normierungseffekte der Co-Regulierung von Standards guter Corporate Governance
ORDO - Band 62 - 2011, S. 269-296.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDer Deutsche Corporate Governance Kodex stellt eine Form der Co-Regulierung von
Standards guter Unternehmensführung dar. Bisherige Studien haben gezeigt, dass der
Kodex insgesamt eine sehr positive Resonanz erfährt. Allerdings enthält er auch einige
Bestimmungen, die nicht von der überwiegenden Mehrheit der Unternehmen angewendet
und daher als neuralgisch bezeichnet werden. In Längsschnittbetrachtungen lässt
sich ermitteln, dass die Akzeptanz der Kodexstandards drei unterschiedlichen Verlaufsmustern
folgt, da sie entweder von Beginn an große Zustimmung erhalten, im Zeitablauf
ansteigende Akzeptanz erlangen oder vergleichsweise konstant eher nur geringe
Akzeptanzwerte erreichen. In dem vorliegenden Beitrag werden die Verlaufsformen
genauer erläutert und vor diesem Hintergrund die Normierungseffekte des Kodex eingehender
diskutiert. Die Analyse ergibt, dass die Kodexstandards unterschiedlichen
Normierungsansätzen entsprechen und der Erfolg der Kodexeinführung generell letztlich
davon abhängt, dass die vom Kodex notwendigerweise belassenen Ermessensspielräume
in der Unternehmenspraxis verantwortungsvoll ausgefüllt werden. Eva Maria Lucke und Christoph Lütge:
Moralisches Verhalten in einem korrupten Markt: Anreize und Erfolgsfaktoren anhand einer Fallstudie aus Argentinien
ORDO - Band 62 - 2011, S. 297-320.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie intensive, öffentliche Diskussion von Korruptionsskandalen in der Privatwirtschaft
fordert Unternehmen auf, Anti-Korruptionsstandards zu entwickeln und zu implementieren.
Inbesondere in als relativ stärker korrupt wahrgenommenen Ländern befinden
sich die Unternehmen dabei in einer Gefangenendilemmasituation. Wie aber
können sie diese überwinden? Ein Lösungsvorschlag ist gemeinsame Korruptionsbekämpfung
in Form einer Antikorruptions-Initiative, auch Collective Action Initiative
genannt. Dabei gilt es die Wettbewerber von den weitgehend immateriellen Vorteilen
einer gemeinschaftlichen Vorgehensweise zu überzeugen (z.B. geringere Geschäftsabschlusskosten,
faire Wettbewerbsbedingungen) und die Anreizstruktur in einem Collective-
Action-Vertrag entsprechend anzupassen. Selbstverständlich ist diese kollektive
Selbstbindung an bestimmte Prinzipien nur mit deren Umsetzung glaubwürdig. Die Operationalisierung
wird sowohl von endogenen, d.h. prozess-inhärenten Erfolgsfaktoren
als auch durch umfeldbedingte externe Herausforderungen beeinflusst. Dieser Beitrag
untersucht mittels Experteninterviews die Anreizstruktur und die Erfolgsfaktoren von
Collective Action am Beispiel einer gescheiterten Anti-Korruptionsinitiative von Rohrherstellern
der Wasser- und Sanitärinfrastruktur in Argentinien. Erfahrungen die Verpflichtung/
Pflichtbewusstsein und Vertrauen, die Verfolgung der Umsetzung/Zertifizierung
und die Bekanntmachung zur Integration von anderen Unternehmen der Branche
oder der Wertschöpfungskette. Gleichzeitig muss die Initiative durch ein sog. aktivierendes
Umfeld gestützt werden, das die Anstrengungen der Unternehmen hinsichtlich
der Korruptionsbekämpfung honoriert. Letztendlich geht es darum die richtigen
Anreize zu setzen. Christian Kirchner:
Corporate Governance und Ordnungsökonomik
ORDO - Band 62 - 2011, S. 321-342.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn diesem Beitrag werden die Wechselbeziehungen zwischen einem gesamtwirtschaftlichen
Ordnungsrahmen und Corporate Governance analysiert. Es wird gezeigt,
dass Handlungsspielräume sowohl bei Public Ordering als auch bei Private Ordering zu
einer Nutzenmaximierung ohne Rücksicht auf externe Effekte für Dritte führen. Der
Grund hierfür liegt in den gleichlaufenden Interessen von Management und Anteilseignern,
die sich aus der Gesamtnutzensteigerung der Vertragsparteien ergeben. Während
bei der privaten Regelsetzung Defizite des Corporate Governance in Form eines Entscheidungskonsenses
auf den Ordnungsrahmen projiziert werden und somit die Funktionsfähigkeit
der öffentlichen Regelsetzung einschränken, werden Defizite des Ordnungsrahmens
bei öffentlicher Regelsetzung auf Corporate Governance Strukturen
übertragen. Aus diesen Umständen ergibt sich die Notwendigkeit einer normativen Ausgestaltung
von Corporate Governance und einer Einbettung in den gesamtwirtschaftlichen
Ordnungsrahmen. Dazu ist die Schaffung eines freien Wettbewerbssystems notwendig,
das die Konstellation eines Gefangenendilemmas zwischen Marktteilnehmern
gewährleistet und zur Reduktion des moralischen Risikos beiträgt. Alexander Lenger und Nils Goldschmidt:
Ordnungsökonomik als angewandte Wissenschaft: Zur notwendigen Zusammenführung von Theorie und Praxis
ORDO - Band 62 - 2011, S. 343-364.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenZunehmend ist die sinkende wissenschaftliche Bedeutung der Ordnungsökonomik zu
beklagen. Ursache hierfür sind u.a. theorieimmanente Bedingungen des ordnungsökonomischen
Forschungsprogramms, die die praktische wirtschafts- und insbesondere
sozialpolitische Anwendung erschweren. Der Beitrag befasst sich mit diesen theorieimmanenten
Problemen und zeigt auf, dass zur Überwindung dieser Schwierigkeiten
eine dynamische, auf fortdauernde Zustimmung ausgerichtete ordnungsökonomische
Perspektive benötigt wird und dass das konkrete, rekursive Zusammenspiel einzelner
Handelns- und Regelebenen in den Blick genommen werden muss. Daran anknüpfend
wird die Konzeption einer modernen Ordnungsökonomik diskutiert, für die die Akzeptanz
sozialer Ungleichheit unabdingbar ist und die sich an der Idee der Inklusion zu orientieren
hat. Vor diesem Hintergrund muss aus einer Ordnungspolitik, die sich aus der
Theorie ableitet, eine Ordnungstheorie werden, die sich immer wieder an der Praxis zu
messen hat. Tobias Pfaff:
Das „Bruttonationalglück“ als Leitlinie der Politik in Bhutan – eine ordnungspolitische Analyse
ORDO - Band 62 - 2011, S. 365-386.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn den späten 1970er Jahren erklärte der König des südasiatischen Kleinstaates Bhutan,
dass für sein Land das Bruttonationalglück wichtiger sei als das Bruttoinlandsprodukt.
Definitorisch kann das Bruttonationalglück als multidimensional und nachhaltig
ausgerichtete Ordnungsstruktur Bhutans verstanden werden, die eine Ausgewogenheit
von Wirtschaftswachstum und anderen Entwicklungszielen anstrebt, den Erhalt der nationalen
Identität und Umwelt sicherstellen soll und auf buddhistischen Prinzipien und
Werten basiert. Dieser Beitrag analysiert das Bruttonationalglück aus ordnungspolitischer
Perspektive. Die Rekonstruktion des existierenden marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmens
zeigt, dass auch in Bhutan eine „Interdependenz der Ordnungen“ im Eucken’schen
Sinne gilt. Die vereinende Klammer der konstituierenden und regulierenden
Faktoren ist eine von buddhistischen Prinzipien geprägte ethische Ausgangsnorm. Die
Analyse zeigt gewisse Parallelen des Bruttonationalglücks zur Sozialen Marktwirtschaft.
Unterschiede werden anhand von ordnungswidrigen Faktoren verdeutlicht. Friedrich L. Sell:
Scham- und Schuldgefühl: Zur ökonomischen Bedeutung zweier kulturell motivierter Emotionen
ORDO - Band 62 - 2011, S. 387-404.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn diesem Beitrag wird zunächst geklärt, was die zeitgenössische Psychologie/
Soziologie unter Scham und Schuld versteht. In einem zweiten Schritt dokumentieren
wir, wie die experimentelle und die psychologische Spieltheorie sowie die traditionelle
Wirtschaftstheorie versuchen, vorliegende Scham- und Schuldgefühle aufzudecken.
Es zeigt sich, dass sowohl die politische Ökonomie von Emotionen, die psychologische
Spieltheorie als auch die experimentelle Spieltheorie teilweise eine große Unschärfe
bei der Verwendung und der Trennung beider Begriffe aufweisen. Anschließend
wird die Lenkungs- und Selektionsfunktion von Scham- und Schuldgefühlen für das
Verhalten der Wirtschafsubjekte auf Märkten/in Verhandlungen thematisiert. Daraus
werden Thesen entwickelt, ob und gegebenenfalls wo für den Staat Handlungsbedarf,
insbesondere durch „weichen Paternalismus“ besteht. Ein Fazit und ein Ausblick beenden
die Ausführungen. Steffen W. Groß:
Vom »Gesetz« zur »Form« – Überlegungen zum epistemischen und methodologischen Status der Volkswirtschaftslehre
ORDO - Band 62 - 2011, S. 405-424.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenSummary: From »Law« to »Form«. Considerations about the epistemic and methodological
status of economics
This paper is concerned with fundamental epistemic and methodological issues in
economics. Its core argument is that economics should be conceived and understood as
a part of the humanities: that is, a part of the broad study of man, and of academic endeavour
that seeks to explain both individual and social action. It raises the central question
of how human action can be adequately perceived and conceptualised in economics,
and views critically the behavioural approach, which is currently quite prominent.
One of the shortcomings of behavioural economics is that it does not distinguish clearly
enough between behaviour and action. It consequently overlooks, or at least underplays,
the symbolic representations that underlie all human action. In elucidating this
theme the paper questions the naturalistic approach to economics, and also the discipline’s
pretensions to be, like physics, a predictive science. With recourse to the works
of Ernst Cassirer in the field of philosophy and logic of the humanities, this paper argues
for an approach to economics that eschews the traditional stress on determining
and defining laws, and instead interprets economics as a symbolic form of thought,
through which the human world is both created and can be understood.
Zusammenfassung
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit grundlegenden Problemen des epistemischen und
methodologischen Selbstverständnisses der Volkswirtschaftslehre. Die Kernthese ist
dabei, dass die Volkswirtschaftslehre als Kulturwissenschaft angesehen wird und dass
daher als ihr zentraler Gegenstand das wirtschaftliche Handeln des Menschen zu gelten
habe. Es stellt sich sodann die Frage, wie dieses Handeln adäquat erfasst und dargestellt
werden kann. In diesem Zusammenhang erfolgt eine kritische Würdigung behavioristischer
Ansätze. Im Ergebnis dessen scheint die Notwendigkeit auf, die Differenz von
Handeln und Verhalten deutlicher als bisher wahrzunehmen und zu beachten. Denn das
Besondere am Handeln, das behavioristische Ansätze in der Regel nicht in den Blick
nehmen können, liegt darin, dass Handeln immer auf der Basis einer symbolischen Repräsentation
ausgeführt wird. Vorausliegendes Wissen von der Wirtschaft und vom Wirtschaften
wird dabei selbst zum Bestandteil unseres Handelns. Schließlich wird die Behandlung
des Themas auf die Frage hin zugespitzt, ob der weithin vertretene Anspruch der Volkswirtschaftslehre, eine sog. Gesetzeswissenschaft zu sein, haltbar ist. Unter
Rückgriff auf Arbeiten Ernst Cassirers zur Wissenschaftstheorie der Kulturwissenschaften
wird statt der Fixierung auf Gesetze für ein Denken in Formen und Ordnungen
plädiert und der Vorschlag zur Diskussion gestellt, die Volkswirtschaftslehre als Formwissenschaft
anzusehen und zu betreiben. Marie Möller:
Gefangen im Dilemma? Ein strategischer Ansatz der Wahl- und Revolutionsteilnahme
ORDO - Band 62 - 2011, S. 425-454.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie Abwahl einer Regierung sowie die Entmachtung eines Diktators per Revolution
können daran scheitern, dass kein individueller Teilnahmeanreiz besteht. Als Lösungsmöglichkeit
wird ein strategischer Ansatz entwickelt, der zeigt, dass sich die Kollektivgutproblematik
bei der Wahlteilnahme als ein N-Personen-Chicken Game darstellen und
sich durch die Einführung von selektiven Anreizen lösen lässt, und zwar insofern als
dass ein Nash-Gleichgewicht existiert, in dem alle einen individuellen Anreiz zur Teilnahme
haben. Bei der Revolutionsteilnahme dagegen besteht ein klassisches NPersonen-
Gefangenendilemma, welches in ein Koordinationsproblem überführt werden
kann, allerdings nur, wenn das dabei bestehende First-Mover-Problem gelöst wird. Im
Ergebnis ist die Machterhaltungsrestriktion in einer Demokratie bindend, in einer
Diktatur dagegen nicht. Der Aufsatz liefert damit eine weitere theoretische Erklärung
für die positive Korrelation zwischen Demokratie und Wohlstand, die sich im Querschnittsvergleich
zeigt.
Vorträge zur Ordnung der Wirtschaft und Gesellschaft
Razeen Sally:
Liberty outside the West
ORDO - Band 62 - 2011, S. 457-468.
Viktor Vanberg:
Moral und Wirtschaftsordnung: Zu den ethischen Grundlagen einer freien Gesellschaft
ORDO - Band 62 - 2011, S. 469-490.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDer Beitrag behandelt aus ordnungsökonomischer Perspektive die Frage, welche
ethischen Anforderungen an die Wirtschaftsordnung in einer freien Gesellschaft zu stellen
sind und wie im Lichte dieser Anforderungen die ethische Qualität der Marktwirtschaft
zu beurteilen ist. Alfred Schüller:
Das fatale Einheitsdenken in der EU. Lehren aus Selbsttäuschungen und Fehlschlägen
ORDO - Band 62 - 2011, S. 491-516.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenEinleitend werden zwei konkurrierende Richtungen des Einheitsdenkens vorgestellt:
Die von großen deutschen Liberalen wie Hayek, Eucken und Röpke vertretene Variante
und das Einheitsdenken, das auf Saint-Simon und verwandte Denker zurückgeführt
wird. In den Rettungsversuchen für den Euro, so wird gezeigt, bündeln sich wie in einem
Brennglas die Selbsttäuschungen und Fehlschläge des zweiten, also des französischen
Integrationswegs. Die Kernthese ist: Die europäische Integration leidet an der
Abkehr von der liberalen Variante. Die zugrunde liegenden wissenschaftlichen und integrationspolitischen
Fehlannahmen und die damit verbundenen fatalen Wirkungen
werden in den folgenden Kapiteln erläutert - am Beispiel der Montan- und Agrarunion,
des Maastrichter Vertrags und des Weges zur Europäischen Währungseinheit. Es wird
ergänzend gezeigt, warum der Gedanke bisher gescheitert ist, mit Hilfe des Euro dem
liberalen Konzept zum Durchbruch zu verhelfen. Tatsächlich erweise sich der Euro als
Sprengstoff für die europäische Integration. Es wird bezweifelt, dass der Geburtsfehler
der Währungsunion (die mangelnde Abstimmung der dezentralen Wirtschafts- und Finanzpolitik
mit der zentralisierten Geldpolitik) mit Hilfe des schuldnerfreundlichen
Prinzips der unbedingten Gemeinschaftssolidarität korrigiert werden kann. Die hierzu
entwickelten saint-simonistischen Handlungskonzepte, die auf eine fortschreitende Politisierung
der EZB und eine schuldnerfreundliche „Vergemeinschaftung der Finanzpolitik“
hinauslaufen, werden mit Blick auf die davon erwarteten weiteren fatalen Wirkungen
kritisch beurteilt. Der Beitrag schließt mit Überlegungen für eine geistig-politische
Wende hin zum liberalen Programm. Manfred E. Streit:
Zur Krise des Euro: Ein währungspolitisches Problem und seine Ordnungsfolgen
ORDO - Band 62 - 2011, S. 523-538.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenZunächst wird in Abschnitt I dargelegt, dass die politisch Verantwortlichen die ökonomischen
Konsequenzen und Erfolgsbedingungen der von ihnen in Maastricht 1992
vereinbarten Europäischen Währungsunion mit dem Euro als Symbol der europäischen
Einigung entweder nicht kannten oder verdrängten. Durch diese Einheitswährung werden
Wachstums- und Wettbewerbsschwächen von Unionsmitgliedern an der Peripherie
der Union aufgedeckt, deren Ursache nicht erkannt wurde und die defizitträchtige Gegenmaßnahmen
auslöste, welche durch die Weltfinanzkrise noch verstärkt wurden. Danach
(Abschnitt II) wird ein Transferproblem der Unionsmitglieder diskutiert. Es ergab
sich aus fiskalpolitischem Schlendrian der Unionsmitglieder, der sich in wachsenden
Haushaltsdefiziten niederschlug, die dem selbst auferlegten Defizitkriterium zuwider
liefen. Die aufgelaufenen Staatsschulden und deren Bedienung durch Aufnahme neuer
Anleihen auf den Weltfinanzmärkten lösten Spekulationen gegen die ursächliche Einheitswährung
aus. Ihr wurde mit einem irritierenden Aktionismus mit fragwürdigen
Instrumenten zu begegnen versucht (Abschnitt III). Das Schuldenproblem sollte mit
einer rigorosen Sparpolitik von den betroffenen Unionsmitgliedern gelöst werden, die
im Fall des überschuldeten Griechenlands von den Mitgliedern der Eurogruppe, der
EZB und dem IWF durch souveränitätsgefährdende Auflagen und deren Kontrolle
durchgesetzt werden sollte (Abschnitt IV). Abschließend (Abschnitt V) wird vorgeschlagen, dass sich die Krise des Euro durch eine, wenn auch schmerzhafte und riskante
Rückkehr vor Maastricht und dem EWS mit seinen beweglichen Wechselkursen bewältigen
lässt, was eine Rückkehr zur von vielen geschätzten, weil stabilen D-Mark bedeutete. Bernd Noll:
Wie viel gemeinsame Ethik braucht eine Weltwirtschaftsordnung? Eine historisch-genetische Annäherung
ORDO - Band 62 - 2011, S. 523-538.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenDie Globalisierung wird von vielen Menschen in den westlichen Ländern mit großer
Skepsis beobachtet. Daher wird der Versuch unternommen, die Legitimität dieses Prozesses
mit Hilfe einer historisch-genetischen Annäherung zu begründen. Es wird gezeigt,
dass westliche Gesellschaften einen produktiven Dualismus einer partikularistischen
und universalistischen Ethik ausgebildet haben. Für ein gelingendes Zusammenleben
innerhalb der Gesellschaft wie insbesondere der Weltgesellschaft wird man indes
nicht auf einen weitgehenden Wertekonsens vertrauen können, wie ihn das Projekt
Weltethos (Hans Küng) vorschlägt. Ein konzeptioneller Rahmen für die Suche nach
Regeln einer Weltwirtschaftsordnung wird an den Interessen der Menschen und Völker
anknüpfen müssen. Hier ist der Rückgriff auf die Idee des (Welt-)Gesellschaftsvertrages,
wie er beispielsweise von James Buchanan verfochten wird, erfolgversprechender. Karen Horn:
Diesseits von Angebot und Nachfrage
ORDO - Band 62 - 2011, S. 539-554.
+ Abstract einblenden- Abstract ausblendenIn seinem Buch „Jenseits von Angebot und Nachfrage“ (1958) geißelt Wilhelm Röpke
den Trend zu Ökonomismus und Säkularismus: die Menschen unterwerfen ihr ganzes
Handeln wirtschaftlichem Kalkül, ihnen geht die spirituelle Quelle von Werten verloren.
Nach Röpke ist die Marktwirtschaft ein „Nettomoralverzehrer“. Wenn die Moral nicht
immer wieder aus einer separaten Quelle wie der Religion gespeist wird, verschwindet
sie – und damit auch die Basis der Marktwirtschaft. Doch wie sinnvoll ist es, eine solche
grundsätzliche Front zwischen dem Markt und der Moral aufzumachen? Im Individuum
überlappen sich beide Sphären. Abgesehen von seinem institutionellen Charakter
ist der Markt schließlich nichts weiter als eine Chiffre der gesellschaftlichen Interaktion
von Menschen. In einem Prozess der Reziprozität herstellenden Rückkopplungen entsteht
sowohl der wirtschaftliche Wohlstand der Nation als auch der moralische – jenes
evolvierende Sozialkapital an Werten, gemeinsamen, auch religiösen Überzeugungen,
Moral und Traditionen, das eine Gesellschaft trägt.
Buchbesprechungen
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